1925 
geboren in einer Anarchistensiedlung bei Hünxe (Niederrhein)


1935
Tod des Vaters, Übersiedlung zu Pflegeeltern nach Fördergersdorf bei Tharandt


1938
Oberschulbesuch in Dresden


1943
zur Wehrmacht eingezogen


1944

bei Narva desertiert


1947

Heimkehrerabitur in Dresden


1948 bis 1951
Journalist in Dresden


1951 bis 1961
Redakteur der Monatsschrift „Natur und Heimat“ (Berlin)


ab 1961
freischaffender Schriftsteller


1975
Umzug nach Brodowin (Brandenburg)


ab 1991
verheiratet mit Dr. Hannelore Gilsenbach,  Mitglied im Romani P.E.N. (= P.E.N. der Roma) und im Verband deutscher Schriftsteller


1994 
Erwin-Strittmatter-Preis für Umwelt-Literatur des Landes Brandenburg, Mitgründer des Bundes für Naturvölker e. V. (Sitz Brodowin)


1998

Mitgründer der Musikgruppe CANTUS TERRAE (Brodowin, 1998 – 2005)


2000
Hugo-Conwentz-Medaille des deutschen Naturschutzes


2001
verstorben

Grab von Reimar Gilsenbach

Nachrufe

„Reimar Gilsenbach gestorben. Schriftsteller initiierte die Brodowiner Gespräche“

Der Schriftsteller und Naturschützer Reimar Gilsenbach ist tot. Er starb bereits am 22. November 76-jährig an den Folgen eines Schlaganfalls … „Mit Reimar Gilsenbach verlieren wir den Nestor umweltengagierter Schriftsteller in Ostdeutschland, für den die Würde des Menschen ohne Respekt vor der natürlichen Mitwelt nicht denkbar war. Sein Lebenswerk war dem Ziel verpflichtet, einen Gesinnungswandel im Umgang mit der Natur in unser aller Interesse zu erreichen. Für dieses Ziel hat er sich stark gemacht, solange seine Kraft reichte“, sagte Rolf Caspar, der ihn seit 1980 aus gemeinsamem Engagement kennt … In Wendezeiten gab Gilsenbach den Anstoß zur Entwicklung eines Ökodorfkonzeptes für den Ort Brodowin. 

In: Märkische Oderzeitung, 26. November 2001


„Schreibender Aktivposten. Zum Tod von Reimar Gilsenbach“

… In den 50er Jahren kritisierte Gilsenbach öffentlich die DDR-Naturschutzpolitik, die von Nationalparken nichts wissen wollte. Wie aus seinen Stasi-Akten hervorgeht, wurde er deshalb schon frühzeitig als „feindlich-negativ“ eingestuft … Seine starke, oftmals wortgewaltige Kritik an der maßlosen Naturzerstörung durch den Braunkohlenbergbau, die chemische Industrie oder die Höchstertragslandwirtschaft machten Gilsenbach zu einer herausragenden Persönlichkeit der Ökologiebewegung in der DDR…

(Tom Kirschey) 
In: Neues Deutschland, 26. November 2001 


„Reimar Gilsenbach, Brodowin“

… So viel er für unser Thema getan hat, z.B. mit seinem Buch „Die Erde dürstet – 6000 Jahre Kampf um Wasser“, er war doch erheblich vielseitiger. Seit den sechziger Jahren beschäftigte ihn das Thema Roma und Sinti. Sein Hauptwerk, die „Weltchronik der Zigeuner“ in mehreren Bänden, muss zunächst wohl unvollendet bleiben. Vor mir liegt sein Buch „O Django, sing deinen Zorn! Sinti und Roma unter den Deutschen“ (1993) mit der Widmung: „Zwei Gadsche legen einem Juden ein Buch über Sinti ans Herz. Für Jochanan von Reimar und Hannelore“. Ich habe jetzt wieder drin gelesen – es geht ans Herz. Und in diesem Herz wirst du bleiben, Reimar…

(Jochanan Trilse-Finkelstein)
In: Ossietzky. Zweiwochenschrift für Politik/Kultur/Wirtschaft, 4. Jahrgang, 15. Dezember 2001


„Reimar Gilsenbach hat uns seine Stafette übergeben“

Leise Stimme, klare Sprache. Der Wahrheit oft näher als die Lauten. Ein Kausaldenker mit Lust am präzisen Detail. Nun ist Reimar Gilsenbach, 76-jährig, für immer verstummt. Ruht in der Erde, die er verteidigt hat, wie kaum ein zweiter deutscher Schriftsteller. Mit Sachbüchern, Kinderbüchern, Ökoliedern, mit über 600 Aufsätzen, Streitschriften, Reden, mit unzähligen Auftritten, wo immer sich eine Nische für Aufklärung bot. Ruht in seinem geliebten Brodowin…

(Lia Pirskawetz)
In: Sprachrohr / ver.di, 11. Jahrgang, 21. Dezember 2001


„Erinnerung an Reimar Gilsenbach“

… Wenn man mit Fug und Recht Kurt Kretschmann den Vater des praktischen Naturschutzes der DDR nennt, so gebührt Reimar Gilsenbach zweifellos das Recht, Nestor der Naturschutzethik hier im deutschen Osten genannt zu werden … Mit fast sieben Jahrzehnten Lebenserfahrung resümierte Reimar Gilsenbach: „Nur schwach regt sich der Versuch, den Planeten doch noch zu retten … Die Natur sieht es gelassen. Um selbst überleben zu können, hat sie Homo sapiens zum Aussterben verdammt. ,Was können wir tun?‘, fragen mich manchmal junge Leute. ,Dafür sorgen, dass unsere Gattung in Würde stirbt‘, bin ich dann zu antworten versucht.“ … Reimar Gilsenbachs Naturschutzauffassung klammerte sich nie an diese oder jene gefährdete Art, sondern beruhte auf dem Daseinsrecht allen Lebens. … Unbeirrbar, ja unbelehrbar forderte er ein gemeinschaftliches Streben nach dem „neuen Menschen“, nach einer friedenstiftenden Kultur, nach einer Überlebensethik … Fragt da etwa jemand, wie sich das zusammenreimt: Glaube an das Ende der naturzerstörerischen menschlichen Gattung einerseits und Glaube an die Aufklärung, an den neuen versöhnungsfähigen Menschen andererseits?
Natürlich überhaupt nicht. Reimar Gilsenbach hat diesen Konflikt gelöst,  indem er augenzwinkernd einräumt: „Könnte es sein, dass ich irre? Wird die Natur einen Ausweg finden? Eine Überlebensnische für ihr Geschöpf, den Menschen? Zuzutrauen wäre es ihr. Aber nicht ohne unser Zutun!“
Am 22. November 2001 ist Reimar Gilsenbach gestorben. 
Wir sind traurig, weil wir einen väterlichen, unersetzbaren Freund verloren haben…

(Rolf Caspar)
In: Berlin-Brandenburger naturmagazin, 16. Jahrgang, Heft 1/2002 


„Ein freiheitlicher Ökologe“

… Persönlich kennen und schätzen lernte ich Reimar erst im Revolutionsherbst 1989 bei der Gründung der Grünen Partei … Schon kurz nach der Gründung von Grüner Liga und Grüner Partei saßen wir am Zentralen Runden Tisch, und Reimar Gilsenbach wurde mein unermüdlicher Berater … Seit den siebziger Jahren lebte Reimar Gilsenbach am ältesten Naturschutzgebiet Brandenburgs, am Plagefenn bei Brodowin. Sein idyllisch abgelegenes Haus zog alsbald oppositionelle Geister an, denn bereits seit den sechziger Jahren gehörte er zum Freundeskreis um Havemann und Wolf Biermann. Auf diesem Grundstück im Choriner Endmoränenbogen vollbrachte Reimar Gilsenbach eine, wie es Wolf Biermann formulierte „stille Großtat“ für die deutsche Literaturgeschichte: Im Zusammenhang mit der Biermann-Ausbürgerung gehörte er nicht nur zu den ersten Schriftstellern, die protestierten, er übernahm auch einen Koffer mit Biermann-Tagebüchern, von den fünfziger wohl bis zu den siebziger Jahren reichend, die auf seinem Brodowiner Anwesen versteckt überdauerten … Nach dem
Mauerfall wurden sie die Überraschung für Wolf Biermann, der seine Aufzeichnungen schon verloren geglaubt hatte…

(Carlo Jordan)
In: HORCH UND GUCK, 11. Jahrgang, Heft 1/2002


„In Memoriam Reimar Gilsenbach“

„Lassen wir die Natur unverändert, können wir nicht existieren. Zerstören wir sie, gehen wir zugrunde. Der schmale, sich verengende Gratweg zwischen Verändern und Zerstören wird auf Dauer nur einer Gesellschaft gelingen, deren Ethik sich im Einssein mit der Natur empfindet.“ (Reimar Gilsenbach)
Diese Botschaft, formuliert als ein hoher Anspruch an die menschliche Gesellschaft, hat uns der Schriftsteller Reimar Gilsenbach hinterlassen. Immer hat er sich als Anwalt der bedrohten Natur verstanden, sich gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung gewandt. Nun kann er nur noch in seinen Werken zu uns sprechen…

(Anne Wächter)
In: Sächsische Heimatblätter, 48. Jahrgang, Heft 1/2002


„Zuspruch für Verletzbare. Ein Unangepasster in Verhältnissen, die Anpassung verlangten / Zum Tod von Reimar Gilsenbach“

… 1980 wurde die Gesellschaft für Natur und Umwelt im Kulturbund gegründet, deren Zentralvorstand Reimar Gilsenbach nun angehörte. Ein Jahr später rief er die „Brodowiner Gespräche“ ins Leben, kritisch-ökologische Diskurse zwischen Literaten und Wissenschaftlern. Alljährlich trafen sich fortan Schriftsteller und Ökologen in Krisenregionen der DDR, in devastierten Braunkohlelandschaften der Lausitz oder den sterbenden Wäldern des Erzgebirges. Der Schriftstellerverband der DDR verweigerte sich lange Zeit solchen Aktivitäten, die im Kulturbund schließlich ein schützendes Dach fanden. Noch auf dem X. Schriftstellerkongress 1987 wurde ein kritischer Diskussionsbeitrag von Reimar Gilsenbach „operativ“ verhindert, der zu einer direkten Konfrontation mit dem anwesenden DDR-Umweltminister Reichelt geführt hätte. Die Tradition der „Brodowiner Gespräche“ lebt bis heute weiter und wird durch den 1992 gegründeten Arbeitskreis „Literatur Um Welt“ fortgeführt…

(Regine Auster)
In: Der Rabe Ralf, Februar/März 2002


„Unerschrockener Streiter für den Naturschutz. Zum Gedenken an Reimar Gilsenbach“

… Ihr unerschrockenes Engagement brachten Reimar Gilsenbach und Hannelore Kurth, die später heirateten, eine intensive Bespitzelung durch die Staatssicherheit ein. 1989 fanden sich ihre Namen auf der Liste eines so genannten „Isolierungslagers“, in das Oppositionelle im „Spannungsfall“ interniert werden sollten. Sicher eine der bittersten Enttäuschungen für den linken Utopisten Reimar Gilsenbach, der seit 1947 der SED angehörte…

(Regine Auster)
In: Natur und Landschaft, 77. Jahrgang, Heft 2/2002


„Reimar Gilsenbach. Geb. 1925. Er sah aus wie ein Freiheitskämpfer. Als die Stasi seine Vorträge behinderte, verpackte er seine Botschaften in Liedern“

… Sie war 34, er 59, und sie waren einander die große Liebe. Zu der Zeit legte die Stasi in Eberswalde eine Akte an. Der zutreffende Hauptvorwurf: Gilsenbach beabsichtige, „eine breitgefächerte Front zum Schutz der Natur und Umwelt zu schaffen.“ … Hannelore sollten Kadergespräche im Institut auf den rechten Pfad zurückführen. Nur, weder die Umweltbewegung noch die Liebesgeschichte waren aufzuhalten, ebenso wenig wie der Untergang der DDR. Reimar und Hannelore ließen sich von ihren Partnern scheiden und taten sich ganz offiziell zusammen. Er machte seine Botschaften zu Liedern und sie sang sie zur Gitarre. „Zuspruch für Verletzbare“ hieß das Programm aus der Vorwendezeit, das DDR-weit Kirchen und Kulturhäuser füllte … Manchmal, wenn sie nicht sangen, schrieben, im Garten ackerten oder die Hühner versorgten, saßen Reimar und Hannelore in Brodowin auf zwei Gartenstühlen am Teich hinter dem Haus. Wenn wir uns mehr Zeit für die Natur genommen hätten, sagt Hannelore am Teich, hätte sie ihm vielleicht noch mehr Zeit gegeben.

(Amory Buchard)
In: Der Tagesspiegel, 15. März 2002



Filme über Reimar Gilsenbach:

M. Schehl: „Widerstanden, überlebt“, Deserteure im II. Weltkrieg. Denk Stein Verlag, Berlin, 1994.

G. Tockan: „Gehorsam bis zum Letzten“, ZDF 1995.

November Film Berlin/C. Hoffmann: „Immer bis an die Grenze des Möglichen. Reimar Gilsenbach, Schriftsteller und Naturschützer“, SFB 1998.

Geplante Isolierungslager der Stasi, ORB/Focus 11. 4. 1995.